50 plus: Vorsicht, Selbstsuggestion!

In unserer Gesellschaft herrscht die Vorstellung, dass wir bei zunehmendem Alter mit ständig abnehmenden Fähigkeiten und Ressourcen zu kämpfen haben. Allenthalben lauert der Verfall: Die Sinne lassen nach, der Körper wird von abnutzungsbedingten Schmerzen gebeutelt, die Kreativität schwindet, das Erinnerungsvermögen auch. Ein Zugewinn an Fähigkeiten und erlernten Fertigkeiten ist hier anscheinend nicht vorgesehen.

Der gesellschaftliche Blick und die Kraft der Suggestion sind bei der Betrachtung des Alters maßgeblich. Ich habe neulich eine Gruppe Wanderer in einem Ausflugslokal belauscht. Die Damen und Herren waren geschätzt alle im Alter um die 50 Jahre. Sie referierten beim Essen darüber, welche Anzeichen des Alters sie neuerdings so an sich zu bemerken meinten.

Club der eingebildeten Kranken

Da hieß es zum Beispiel: „Schatz, ich muss dringend zum Optiker, mit dieser Brille kann ich kaum das Essen auf dem Teller erkennen.“

„Mein Rücken bringt mich noch um. Aber soll ich mich in meinem Alter noch operieren lassen?“

„Mein Arzt meint ja, ich solle es deutlich langsamer angehen lassen.“

„Also, ich lasse so langsam ausrollen, was meinen Job angeht.“

In diesem Club der eingebildeten Kranken kam die oben benannte Suggestion voll zum Tragen. Diese Form der Selbstsuggestion ist mir allerdings schon häufiger begegnet. Allenthalben habe ich es mit Leuten zu tun, die sich alt und krank reden. Und jedem, der das 49. Lebensjahr absolviert hat und ein Zipperlein an sich entdeckt und dieses kundtut, schallt ein fröhliches „Willkommen im Club“ entgegen.

Der Lack ist längst nicht ab

Wenn ich mit solcherart Betroffenen arbeite, kann ich deren verschobene Vorstellungswelt meist durch einen methodischen Abgleich mit der Realität wieder korrigieren und ihnen neue vitale Lebensperspektiven aufzeigen. Etwas salopp ausgedrückt: Der Lack ist längst noch nicht ab, nur weil die 50 überschritten wurde. Es kommt auf unseren Umgang mit unserer Vitalkraft an.

Aus der aktiven Auseinandersetzung mit der Lebensphase 50 plus sollte kein Aktionismus erwachsen. Dogmatismus und Verbissenheit sind kontraproduktiv. Wir alle kennen solche Beispiele: Menschen, die abends erschöpft von der Arbeit kommen und sich auf dem Heimweg schon unter Druck gesetzt haben, jetzt noch zehn, besser noch 15 Kilometer zu laufen. Diese Läufer haben einen „harten“ Laufstil, sie erscheinen trotz der Bewegung verkrampft, fast statisch, und sie stressen sich ungemein.

Sich seinen eigenen Bedürfnissen zu stellen, hat indessen nichts damit zu tun, sich nichts abzuverlangen. Hier ist nicht von Laxheit die Rede! Denn der gesunde innere Rhythmus, den es zu finden gilt, erfordert immer auch eine gewisse Selbstdisziplin.

Den eigenen Rhythmus finden

Wenn mir aber meine innere Stimme sagt, dass ich heute lieber nur fünf statt zehn Kilometern laufen soll, kann ich den Lauf in Intervalle unterteilen, mit Phasen in denen ich jogge, gehe, mit ganz strammem Schritt marschiere und dabei die Natur mit ihren vielfältigen Sinneseindrücken noch einmal ganz anders erlebe. Dann betreibe ich Sport in meinem eigenen Rhythmus, was mich erholter macht und mir gesundheitlich auch auf längere Sicht zuträglich ist.

Auch in einem gesunden Lebensrhythmus sind wir nach Erledigung unseres Tagwerks müde, aber nicht erschöpft in der Form, dass wir zu kaum mehr Antrieb haben als mit der Fernbedienung in der Hand auf der Couch zu liegen und uns mit bunten Bildern berieseln zu lassen.

Mit Vorstellungskraft und Intuition den Geist beflügeln

Spätestens jetzt werden Sie gemerkt haben, dass Sie keine Bücher über Gehirnjogging brauchen und nicht Dutzende von Sudokus am Tag lösen müssen, um auch geistig fit und in Bewegung zu bleiben. Stattdessen sollten Sie im Alltag ihre Vorstellungskraft und Intuition spielen lassen.

Wenn Sie durch die Stadt gehen und ein schönes Gebäude sehen, können Sie sich fragen, wie wohl der Architekt dazu aussieht, welchen Ansprüchen er in dem Projekt gerecht werden musste, ob der Baustil eine ganz individuelle Note hat, wie lange wohl die Bauzeit betrug oder wie viele Menschen dort täglich ein- und ausgehen usw.

Sie werden sehen, das macht nicht nur Spaß, das beflügelt auch ihren Geist und hält ihn geschmeidig. Sie haben die Regie und entwickeln ihre kleinen Geschichten selbst.

Und eine dieser Geschichten, in der Sie selber die Hauptrolle spielen, sollte heißen:

Auf dem Weg ins Tal der Hundertjährigen!

Der Autor dieses Gastbeitrags, Frank Tillenburg, ist als Coach im Bereich Personalmanagement und Gesundheit für namhafte Unternehmen in Deutschland und im europäischen Ausland tätig. Er lebt in Bad Münstereifel-Eschweiler.

 

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