Anti-Atom-Protest: „Das ist gelebtes Europa“

Und plötzlich stand sie doch: Die Menschenkette aus rund 50.000 Teilnehmern über eine Strecke von 90 Kilometern durch drei Länder. Zum Teil wildfremde Menschen reichten einander die Hände oder knüpften die Verbindung zu den Nebenleuten mittels Tüchern und Spruchbändern. „Das ist gelebtes Europa, wie es sein sollte“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt.

Der Anlass für die aufwändige Aktion gegen die belgischen Kernkraftwerke Doel unweit Antwerpen sowie Tihange bei Huy war allerdings eher bedrückend.  Das Alter und erst neulich wieder festgestellte Tausende feiner Risse in einer Reaktorwand der Anlagen Engie Electrabel versetzen die Menschen auch in den Niederlanden und im benachbarten Nordrhein-Westfalen seit längerem in Sorge und Unruhe.

Die Abschaltung der Kraftwerke wird auch von einem breiten Zusammenschluss  aus Politik, Gesellschaft und Kommunen befürwortet. So klagt die Städteregion Aachen bereits mit Unterstützung von rund 100 Kommunen an belgischen Gerichten gegen den Betrieb des Kraftwerkblocks Tihange 2.

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Eifel Image hatte sich die ehemalige Bergbaustadt Lüttich in der belgischen Wallonie ausgeguckt, um sich ein Bild von der grenzüberschreitenden Protestaktion gegen die belgischen Kernkraftwerke Tihange und Doel zu machen. Im Stadtteil Outremeuse, einer von der Maas umflossenen Insel, wurden zum Beispiel viele Kölner erwartet Da Köln die Partnerstadt von Lüttich ist, waren sie dort eingeteilt worden.

Es herrschte aber keine babylonische Sprachverwirrung aufgrund der grenzübergreifenden Veranstaltung. Es war vielmehr eine gute Gelegenheit, die eigenen Sprachkenntnisse aufzufrischen. So mussten manche Teilnehmer erstmal ihr angestaubtes Schulfranzösisch wieder entrosten. Andere versuchten mit allem an Niederländisch bzw. Flämisch zu punkten, was sie so im Urlaub an der holländischen oder belgischen Küste mal aufgeschnappt haben.

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Unter den Belgiern hatten jene leichtes Spiel, die aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens stammen. Für sie ist das Switchen zwischen Deutsch, Französisch und Flämisch teilweise ein Klacks. Englisch war in Lüttich nur selten zu hören  (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, was den Brexit und die künftige Bedeutung Großbritanniens in der EU angeht).

Es herrschte eine freundliche und teilweise ausgelassene Stimmung. Ein paar junge Belgier fuhren hupend an der Menschenkette vorbei und bekamen eine La-Ola-Welle zur Antwort. Ein Kapitän eines vorbeifahrenden Passagierschiffes auf der Maas  ließ das Schiffshorn ertönen. Passagiere und Kettenteilnehmer winkten sich freudig zu. Mitunter war auch Gesang auf Französisch und Wallonisch zu hören.

Überhaupt nahmen auch viele Menschen aus dem französischsprachigen Teil Belgiens teil, was so nicht unbedingt erwartet worden war.  „Es war Zeit für die Belgier“, erklärte Anne-Marie Veithen im Gespräch mit Eifel Image. Sie lebt seit vielen Jahren in Lüttich, stammt aber Bütgenbach im deutschsprachigen Ostbelgien.  Ihr Lebensgefährte ist Wallone. Gemeinsam agierten sie am Sonntag als Streckenposten, wiesen die Teilnehmer ein und verteilten Protestmaterial.

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Für die 49-Jährige war es die erste Kundgebung, an der sie aktiv teilgenommen hat.  Sie ist nicht politisch organisiert. Sie freute sich, dass bei vielen ihrer Landleute offenbar ein Umdenken stattfinde.  Zumal die Pro-Atom-Haltung in der Wallonie noch stark vertreten sei, da man sich hier stark an Frankreich orientiere. In Deutschland habe man mit den bereits vom Netz genommenen Kernkraftwerken und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien eine gute Entscheidung getroffen, findet sie.

Es war schon erstaunlich, wie unaufdringlich die Logistik der Veranstaltung war und wie reibungslos es schließlich zu der Aufstellung der rund 50.000 Teilnehmer kam. Man darf annehmen, dass es gewaltiger Vorarbeit auch in bürokratischer Hinsicht bedurfte, um das Ganze zu stemmen. Dennoch wird wohl auch wieder mit penetrant pedantischen Stimmen zu rechnen sein, dass die Lücke nicht überall hundertprozentig geschlossen gewesen oder die avisierte Zahl von 60.000 Teilnehmern nicht erreicht worden sei.

Aber auch der euro-demokratischen Haltung der Belgier sei Lob gezollt: Ob nämlich ein solches Protest-Event gegen deutsche Einrichtungen unter Teilnahme ausländischer Gruppen auf deutschem Boden genehmigt worden wäre, ist sehr fraglich.

Das Bündnis „Stop Tihange“ hatte zu der Demonstration aufgerufen. Bündnissprecher Jörg Schellenberg sprach im Anschluss an die erfolgreich umgesetzte Menschenkette von einem unübersehbaren Zeichen an den Betreiber Engie Electrabel. Es war allerdings auch ein Zeichen dafür, wie eng die Menschen in Europa zusammenstehen können, wenn sie ein gemeinsames Ziel haben.

 

 

 

 

 

 

 

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